Sprechlage (Indifferenzlage)

•Die Feststellung der für den jeweiligen Sprecher idealen Sprechlage (Sprechhöhe, Stimmhöhe) ist eines der heikelsten Probleme des Sprechunterrichts. Ständiges Sprechen in einer ungünstigen, meistens zu hohen Lage zählt zu den häufigsten Ursachen von Sprech- und Stimmproblemen.

•Jede Stimme hat von Natur aus eine bestimmte Lage, die sich aus der Anatomie der Stimmbänder ihres Besitzers ergibt. Beim Singen kann die Stimme in ihrem vollem Umfang nach Höhe und Tiefe verwendet werden, das Sprechen ist nur im tieferen Bereich des Tonumfanges möglich. Für jede Stimme gibt es beim Sprechen einen Bereich von wenigen Tönen, in dem sie bei minimaler Anstrengung (Kraftaufwand) die maximale Leistung (an Klang und Ausdauer) liefert, die sogenannte Indifferenzlage.

•Diese Indifferenzlage ist normalerweise im untersten Drittel des Gesamtumfangs einer Stimme angesiedelt, die genauere Bestimmung ist jedoch nicht immer einfach.

•Viele Menschen überschreiten beim Sprechen die Indifferenzlage nach oben. Sie sprechen fallweise oder permanent zu hoch, ohne sich dieses Problems überhaupt bewußt zu sein. Sie haben sich an diese für sie eigentlich unnatürliche Sprechweise und deren Klang so gewöhnt, daß ihnen überhaupt nicht in den Sinn kommt, tiefer zu sprechen.

•Gründe für ständiges Zu-hoch-Sprechen können sein: Gewohnheit, eventuell bereits Übernahme von den Eltern; Unterwürfigkeit/“Nettigkeit“ gegenüber den Kommunikationspartnern; bei Frauen auch unbewußtes Festhalten an der Mädchenstimme. (In der Pubertät mutiert die Mädchenstimme ungefähr eine Terz nach unten, was der Trägerin oft nicht einmal klar ist; beim Knaben kann der Stimmbruch eine Veränderung von über einer Oktave bedeuten, was dem Träger keinen Zweifel über die Andersartigkeit seiner neuen Stimme läßt!)

•Die Gründe für fallweises Zu-hoch-Sprechen sind meist Nervosität oder der Versuch, durch Höherstellen der Stimme eine größere Lautstärke abzuzwingen. Bei manchen Personen steigt die Stimme auch im Laufe des Tages, verbunden mit intensiver Beanspruchung, immer mehr in die Höhe.

•Probleme ergeben sich daraus, daß ein längeres Überschreiten der Indifferenzlage die Stimme über Gebühr beansprucht und sich in Heiserkeit, Spannungsgefühl im Kehlkopf (dieser steigt bei ungeschulten Stimmen beim zu hohen Sprechen nach oben und kann nur mehr durch „Drücken“ gehalten werden), Engegefühl im Hals (Sprechen und Artikulieren fallen schwerer) und oft unschönem (süßlich-zirpendem oder gepreßt-schrillem, „hysterischem“) Sprechton zu Buche schlägt. Eine für die jeweilige Person zu hoch eingestellte Sprechstimme erzeugt auch bei den Zuhörern oft unwillkürlich Unbehagen, während tieferes Sprechen beruhigt und Vertrauen erweckt.

•Steigerunug der Lautstärke sollte also nicht durch Höherstellen der Stimme erzeugt werden, sondern es sollte jedenfalls auch die Deutlichkeit erhöht werden und die Klangsteigerung selbst durch richtigen Atem, Öffnen des Mundes, vorderen Stimmsitz (manchmal wird auch der Begriff „Resonanz“ verwendet) und Stimmprojektion erzeugt werden.

•Die Indifferenzlage kann bei gesangstechnisch nicht geschulten Stimmen festgelegt werden, indem man vom (mit Hilfe eines Klaviers festgestellten) tiefsten Gesangston fünf Halbtonschritte nach oben geht. Diese Methode kann in manchen Fällen jedoch auch zu einem völlig falschen Ergebnis führen!

•Eine andere Feststellungsmethode besteht darin, die betreffende Person nebenher nach einer völlig belanglosen Sache, z. B. der Uhrzeit, zu fragen. Hat man Glück, so antwortet die Person, da sie kaum viel dabei denkt, in ihrer Indifferenzlage.

•Eine weitere Methode besteht darin, die betreffende Person zunächst den höchsten Ton summen zu lassen, der gerade noch angenehm erreichbar ist, dann ebenso den tiefsten, und daraufhin einen in der Mitte zwischen beiden liegenden – im Idealfall ist mit diesem mittleren Ton die Indifferenzlage gefunden.

•Für das Feststellen der Indifferenzlage erscheint im Zweifelsfall die Hilfe eines erfahrenen Sprechlehrers oder eines Logopäden sehr sinnvoll. Wenn Sie beim Sprechen nie Probleme haben, dann sprechen Sie vermutlich sowieso in der für Sie richtigen Lage. Sollten sie Probleme haben, dann versuchen Sie tiefer zu sprechen – wenn es angenehmer ist und Sie weniger anstrengt, dann haben Sie bisher zu hoch gesprochen. Bleiben Sie in diesem Fall also bitte tief. Haben Sie keine Angst davor, man hört Sie wahrscheinlich viel besser als vorher.

•Zu beachten ist, daß das tiefere oder tiefe Sprechen nicht erzwungen werden darf, z. B. durch Druck auf den Kehlkopf. Auch das Mitschwingen (die „Resonanz“) des Brustkorbs darf keineswegs forciert werden. Die Stimme soll nicht künstlich tief gestellt werden und dem Röhren eines Hirsches oder dem Brummen eines Bären ähneln, das Sprechen soll lediglich durch Auffinden der natürlichen Lage angenehm und anstrengungsfrei vor sich gehen können. Sollte sich durch tieferes Sprechen plötzlich ein unangenehmer Kehlton (Enge im Hals, kratziger Ton, Gefühl des „Hinten“-Sprechens) einstellen, dann ist besser weiterhin die gewohnte Lage zu verwenden. Auch vor einem salbungsvollen, onkel- bzw. tantenhaften Tonfall, wie er sich bei zu tiefem Sprechen fast von selbst einstellt, muß in diesem Zusammenhang gewarnt werden.

•Grundsätzlich brauchen Sie nicht sklavisch auf einer bestimmten Sprechhöhe zu verharren. Melodiöses Sprechen wirkt sicher interessanter und sympathischer als monotones, Sie sollten nur nach Möglichkeit Ihre natürliche Lage nicht verlassen. Im übrigen schwankt die Sprechhöhe auch je nach Kommunikationssituation ein wenig – zu einem Kind sprechen wir im Idealfall freundlich und daher etwas höher. Manche Menschen passen sich der Sprechhöhe ihres Kommunikationspartners an; falls dies bei Ihnen der Fall ist, sollten Sie trainieren, in Ihrer eigenen Lage zu bleiben.

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